STRATEGIE Preview
Menschen mit Aphasie auch Einschränkungen im Lesen zeigen (Brookshire et al., 2014). Ver mutlich ist die Prävalenz bei Betrachtung komplexerer Leseprozesse sogar deutlich höher (Webster et al., 2020). Auch ein bis fünf Jahre nach einem Schlaganfall sieht sich fast ein Viertel der Patienten mit Problemen im Bereich des Lesens konfrontiert. Sie geben an, dass ihren diesbezüglichen Bedürfnissen trotz der großen Bedeutung für Beruf, Sozialleben und Unterhaltung nicht (34%) bzw. nur zum Teil (43%) nachgekommen wird (McKevitt et al., 2011). Bei einer Aphasie können alle rezeptiven und produktiven sprachlichen Fähigkeiten in unter schiedlichem Ausmaß beeinträchtigt sein, so auch das Verständnis geschriebener Wörter, Sätze, Absätze oder Texte (Webster et al., 2013; Ziegler, 2015). Es wird vermutet, dass bereits für die Erstellung der propositionalen Textbasis aufgrund der sprachsystematischen Ein schränkungen nur ein lückenhafter lexikalischer und syntaktischer Input bereitsteht. Dement sprechend sollte bei aphasischen Patienten insbesondere die mikrostrukturelle Verarbeitung beeinträchtigt sein, was sich auch auf nachfolgende makrolinguistische Prozesse auswirken kann. Da auf Weltwissen und einem Situationsmodell basierende Top-Down-Prozesse im Ge gensatz dazu weniger betroffen sind, können Hauptinhalte meist besser als Details erinnert werden. Dennoch können Einschränkungen im Verständnis kohäsiver Mittel dazu führen, dass Zusammenhänge nicht korrekt verstanden werden (Büttner, 2014; Hielscher-Fastabend & Jaecks, 2009; Riedel, 2014). Zusammenfassend lassen sich mehrere Komponenten des Le severständnisprozesses auf Textebene schlussfolgern, die bei Menschen mit Aphasie in Zu sammenhang mit Textverständnisschwierigkeiten beeinträchtigt sein können. Dazu gehören im Bereich der kognitiven Fähigkeiten Einschränkungen verschiedener Gedächtnistypen, im „Monitoring“ und in der kognitiven Flexibilität. Es können sich bereits auf Wort- und Satzebene Auffälligkeiten zeigen. Sowohl die Erfassung der Mikro- und der Makrostruktur als auch die Aktualisierung des Situationsmodells können beeinträchtigt sein und die Lesezeit ist typischer weise erhöht (Chesneau et al., 2007; Chesneau & Ska, 2015; Klingenberg, 1997; Meteyard et al., 2015; Webster et al., 2018). Dabei beeinflussen auch Textmerkmale das Verständnis. Bei spielsweise sind für Menschen mit Aphasie Detailinformationen und implizite Informationen, die inferiert werden müssen, schwerer zu verstehen als Hauptinformationen und explizit im Text vorgegebene Informationen (Webster et al., 2018). Auch die Anzahl an Detailinformatio nen in Relation zur Anzahl der Hauptideen kann sich auf das Textverständnis auswirken (Chesneau & Ska, 2015). 4.3 Diagnostik von Textverständnisstörungen bei Aphasie Um den Bedarf sowie die Art einer Intervention abzuschätzen, wird empfohlen, neben Para metern des Textverständnisses auch die Lesegeschwindigkeit und die subjektive Wahrneh mung der Einschränkungen zu erfassen (Webster et al., 2018). Abgesehen von orientierenden Materialien sind bislang kaum deutschsprachige standardisierte Diagnostikverfahren
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