STRATEGIE Preview
Demnach konstruiert ein Leser aus der linguistischen inhaltsunabhängigen Oberflächenstruktur eines Textes die propositionale Textbasis, bestehend aus der Mikro- und der Makrostruktur . Die Mikrostruktur beinhaltet Detailinformationen in Form von Mikropropositionen , aus welchen basierend auf den Makroregeln (Selektion, Generalisierung und Konstruktion) globalere Informationen, die Makropropositionen , abgeleitet werden. Die Textbasis und das Vorwissen des Lesers werden schließlich im Situationsmodell – einer kognitiven Repräsentation im episodischen Gedächtnis – fortlaufend integriert. In der Konstruktions-Integrations-Theorie von Kintsch (1988) wird bereits die Textbasis als eine Art Situationsmodell beschrieben, welches nach einem Integrationsprozess sowohl die linguistische Grundlage des Textes als auch Sprach- und Weltwissen beinhaltet. Für dieses Therapiematerial ist der Begriff der Proposition von besonderer Bedeutung. Propositionen fassen mehrere Wörter zu Ideeneinheiten zusammen und ermöglichen es somit, mit Satzbedeutungen unabhängig von oberflächlichen Strukturen zu arbeiten. Atomare Propositionen sind dabei eine linguistische Einheit aus einem Verbindungselement oder Prädikat und einem oder mehreren Argumenten. Im folgenden Beispiel wird ein Satz mit der entsprechenden atomaren Proposition dargestellt: „Die Dame ist müde.“ [MÜDE, DAME] Komplexe Propositionen , beispielsweise auch ein Satz, sind Netzwerke atomarer Propositionen , die durch das Hauptverb eines Satzes oder andere Beziehungen und Der Zusammenhang zwischen Verben und Argumenten kann auch mithilfe der Valenztheorie beschrieben werden: Demnach schaffen Vollverben und Kopulaverben Leerstellen für bestimmte Satzglieder. Verben weisen ihren Ergänzungen und Angaben unterschiedliche semantische Rollen zu, wie zum Beispiel Agens (Handelnder, Verursacher), Patiens (Betroffener), Rezipient (Empfänger) oder Instrument (Mittel) (Pittner & Berman, 2004). 4.2 Textverständnisstörungen bei Aphasie Plötzlich auftretende neurologische Ereignisse oder aber auch progrediente Verläufe oder leichte kognitive Beeinträchtigungen können zu Einschränkungen im Textverständnis im Rah men von Aphasien oder kognitiven Kommunikationsstörungen führen (Watter et al., 2016). Dabei kommt es zu einer Interaktion aus linguistischen und kognitiven Faktoren (Büttner, 2014; Chesneau & Ska, 2015). Es kann davon ausgegangen werden, dass mindestens 68% der Überschneidungen miteinander verbunden sind (Kintsch, 2018): „Die müde Dame las Zeitung.“ [LESEN, DAME, ZEITUNG] [MÜDE, DAME] „Obwohl die Dame müde war, las sie Zeitung.“ [OBWOHL] [MÜDE, DAME] [LESEN, DAME, ZEITUNG]
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